Neue Werke

Hier möchte ich in unregelmäßigen Abständen die neuesten Auswüchse meiner Fantasie publik machen. Die Zeilen sind sämtlich unkorrigiert und bedürfen selbstverständlich noch der Feinjustierung ;-)
Sie sollen lediglich Lust wecken… munkelt man zumindest.

Das ?? Kapitel – insgesamt sind es sechs…sieben oder doch acht?
Und jedes in einem anderen Land; selbst die Personennamen sind nur Schall und Rauch…

Kapitel Irland

Erleichtert reckte er seine schmerzenden Schultern, speicherte die Datei auf einem Stick, den er nach dem Vorgang abzog, in eine wasserdichte Plastiktüte steckte, diese verschloss und in seiner Hemdtasche verstaute. Dann löschte er den Zwischenspeicher des Computers, ließ zur Sicherheit das für teures Geld erworbene spezielle Löschprogramm sämtliche Spuren der letzten Stunden vernichten und schaltete den Laptop aus. Bevor er das Büro verließ, warf er einen Blick durch das Fenster auf die drohenden Regenwolken, die direkt über dem Meer aufstiegen und einen Vorgeschmack auf die nächsten Stunden lieferten.
„Ein Tag wie jeder andere.“ dachte er amüsiert und sprang die Treppe hinunter zur Hintertür. Diese war dem Meer abgewandt und entsprechend windstiller. Ein wesentlicher Grund, weshalb er damals das alte Farmhaus mit dem riesigen Grundstück für kleines Geld gekauft hatte. Von den wichtigsten Zimmern des Hauses hatte er einen unverminderten Blick auf das nur wenige hundert Meter entfernte Meer mit den gischt umtosten Felsen, die aus der Ferne lediglich ein leichtes und beruhigendes Rauschen vermittelten. Hier auf der dem Meer abgewandten Seite war es momentan noch ruhig und windstill, so dass er sofort seinen Hund bemerkte, der in den letzten spärlichen Sonnenstrahlen lang ausgestreckt auf der Terrasse lag und die Ohren spitzte, als er ihn hörte. Der Hund sprang sofort auf, als er den seltsamen und schnalzenden Laut vernahm, mit dem ihm der Mann signalisierte: Auf – es geht los!
Sie spielten kurz ihren obligatorischen (aber sinnlosen) Kampf, wer diesmal die Oberhand gewinnen würde und verließen das Grundstück durch eine kleine, fast schon versteckt wirkende und unscheinbare Tür hinter dem Schuppen, der als Garage diente. Der Hund sprang in langen Sätzen davon und erleichterte sich auf dem angrenzenden Feld. Dieses gehörte ebenfalls noch zum Anwesen, war jedoch nicht durch Zäune oder Mauern abgetrennt, wie sonst üblich in der Gegend.
Als sie an eine Weggabelung kamen, schlugen sie den direkten Weg Richtung Meer ein. Etwa 60 Meter über der Küstenlinie verlief ein schmaler, kaum wahrnehmbarer Weg direkt an den Klippen entlang durch ein ungepflegtes Niemandsland, das lediglich manchmal von Schafen betreten wurde. An einer besonders schönen Stelle mit ungehindertem Blick auf das unruhige Meer ging er in die Hocke, rief seinen Hund zu sich und spielte mit ihm. Während er mit ihm raufte und spielte, beobachtete er aufmerksam aus den Augenwinkeln den kurzen Küstenstreifen und das Meer. Dann drehte er sich abrupt herum, um auch das Hinterland zu mustern und schob mit einer schnellen Bewegung die Tüte mit dem Speicherstick in eine Höhlung unter einem Stein. Er hob den daneben liegenden Stein auf und warf ihn mit einer weitaus hohlenden Bewegung auf das Feld, weitab vom Meer. Während der Hund davonstob, um den Stein zu holen, musterte er unter gesenkten Augen das gesamte Umfeld. Er konnte nichts Auffälliges bemerken, doch irgendetwas beunruhigte ihn. Etwas war anders als sonst…! Obwohl er nichts entdecken konnte, beschloss er, für heute noch einige zusätzliche Sicherungen einzubauen und etwaige „Besucher“ zu verwirren.
Er wandte sich dem Hund zu, der hechelnd mit dem Stein im Maul neben ihm stand und ungeduldig wartete. Nachdem er den Stein wieder in Händen hielt, wandte er sich nacheinander schnell in verschiedene Richtungen und täuschte einen Wurf an, doch der Hund ließ sich nicht beirren. Unverwandt blieben seine Augen auf seine rechte Hand gerichtet, die den Stein umklammerten.
Und dann raunte er. „Gaanz ruhig und aus!“
Der Hund gehorchte sofort und warf ihm einen erstaunten Blick zu. Während er mit seiner Linken die Halsregion des Hundes kraulte, huschten seine Augen wider und wider umher, ohne jedoch etwas Auffälliges zu bemerken. Doch etwas war anders, oder verkehrt. So extrem konnten ihn seine Instinkte nicht täuschen, das war unmöglich.
Während sie den Weg zurück zum Haus gingen, suchten seine Augen unauffällig immer wieder die nähere Umgebung ab, ohne jedoch etwas Auffälliges zu entdecken. Im Haus angekommen, verschloss er hinter seinem Hund sofort die Hintertür. Während der sich im Wohnzimmer auf seiner Decke breit machte, überprüfte er die Vordertür Richtung Meer. Auch diese verschloss er mit speziellen Riegeln und machte sich auf in das Obergeschoss, um hier noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Er holte die über der Türbrüstung im Büro immer liegende „Baby-Glock“ hervor, lud sie durch und steckte sie hinter seinen Gürtel auf dem Rücken.
Nachdem er noch einmal tief Luft geholt hatte, legte er den Schalter seiner Alarmanlage um, gab seinen Code ein und machte somit das gesamte Haus „scharf“. Jetzt waren auch sämtliche Fenster im Haus durch spezielle Rohre und Scharniere verschlossen, so dass sie noch nicht einmal von innen geöffnet werden konnten. Es sei denn, man hatte zufällig grad eine Bazooka zur Hand… Aber selbst die sollte etwas Probleme haben, so zumindest die Aussage des Herstellers der zusätzlichen Armierung. Er nahm sein Handy und wählte einen Anschluss in der Umgebung an, legte jedoch kurz darauf auf, als niemand abhob. Jetzt wusste sein „Babysitter“, das er exakt 8 Stunden nach dem Anruf dieses Haus und seinen Inhaber überprüfen sollte, um mögliche Probleme aus dem Wege zu schaffen und notfalls auch eventuelle Gegner zu eliminieren. Es gab noch eine weitere Notfalloption, doch diese war wirklich nur für den äußersten Notfall gedacht.
Er schenkte sich ein Glas Wasser ein und setzte sich in seinen Fernsehsessel. Viel lieber würde er sich jetzt einen der hervorragenden Single Malts gönnen, aber er musste die nächsten Stunden ohne einen Tropfen Alkohol auskommen. Unruhig stand er auf, ermahnte mit zwei einfachen Worten seinen Hund, auf der Hut zu sein, und machte sich auf den Weg in den Keller. Unten angekommen, öffnete er eine unscheinbare Tür zu einem Abstellraum und verschloss sie sorgfältig wieder hinter sich. Als er das einfache Holzregal direkt neben der Tür mit wenigen Griffen manipulierte, klappte dieses plötzlich herunter und enthüllte in einem Stahlfach eine kleine Anzahl von Gegenständen, die normalerweise nicht in einem normalen Haus zu finden waren. Verschiedene Handfeuerwaffen in Augenhöhe und darunter in griffbereiten Halterungen eine beachtliche Anzahl von Langwaffen. Angefangen von der allgemein beliebten G36 über die noch beliebtere Kalaschnikow bis zu einem Scharfschützengewehr israelischer Herkunft, auf das er besonders stolz war. Bei nicht zu starkem Wind lag seine Schussweite bei rund 1.600 Metern mit dieser Waffe.
Nachdem er etwas am Boden genestelt hatte, entnahm er dem jetzt zugänglichen Fach verschiedene Magazine und lud damit die unterschiedlichen Waffen. Er nahm die 44er-Magnum (seine Lieblingswaffe) und die G36 mit nach oben, nachdem er seine Spielzeugabteilung wieder gut versteckt hatte.

Die Magnum positionierte er in die dicken Polsterungen seines Fernsehsessels, während die G36 den Weg direkt an die Wand neben seinem riesigen TV-Schirm fand. Nach kurzem Überlegen ging er nebenan in die Küche und holte von dort ein kurzes, aber extrem scharfes Küchenmesser, das er auf dem Esszimmertisch direkt neben einem Korb mit Orangen platzierte. Nachdem er alles noch einmal kurz überprüfte, fand er seine Arrangements beachtlich, aber nicht aufdringlich und hoffte, dass sie wirklich umsonst waren. Noch nie seit seinem Einzug vor über drei Jahren hatte er so viel Aufheben wegen Nichts gemacht. Aber auch noch nie hatte ihn sein Instinkt betrogen oder fehlgeleitet; noch nie hatte er so seltsame Anwandlungen wie heute gefühlt. Irgendetwas war im Busch und er wollte, ja musste, herausfinden, was da Sache war.
Sehnsüchtig schaute er hinüber zu seinem Barschrank, wo köstliche Malts standen, auf ihn warteten und ihm Ruhe und Sicherheit vorgaukelten. Doch dem war nicht so, wie er wusste. Er benötigte jede nur erdenkliche Ruhe und Gelassenheit, um auf eventuelle Aktionen zu reagieren! Mit Alkohol war das etwas schwierig… Er stutzte kurz und sämtliche Nackenhaare von ihm standen plötzlich senkrecht. Irgendein Geräusch hatte seine Sinne geweckt. Ein Laut, der nicht normal war und den obligatorischen Geräuschpegel übertönte. Er sah kurz zu dem Dobermann hinüber, der langausgestreckt auf seiner Decke lag und nicht reagierte. In dem Moment, als er das leichte Flackern der Fenstervorhänge bemerkte, hechtete er zur Wand, riss das G36 vom Haken und warf sich neben dem Fernsehsessel zu Boden. Seinen heftigen Atem unterdrückend, hielt er das Schnellfeuergewehr im Anschlag in Richtung Fenster. Durchzuladen brauchte er nicht mehr, das war bereits im Keller passiert und die erste Patrone lag feuerbereit unter dem Abzugshahn.
Doch irgendetwas konnte nicht stimmen: Die Fenster waren schussfest und dicht. Vor etwa 20 Minuten hatte er die Fenster im Raum überprüft und verschlossen… Plötzlich dämmerte ihm etwas: Hallo Ablenkung! Er dreht sich mit dem Gewehr im Anschlag um 180 Grad und bemerkte – während sich sein rechter Zeigefinger automatisch um den Abzugsbügel krümmte und ein kurzer Feuerstoß die Waffe verließ – einen Schatten neben der Tür. Dieser stoppte kurz, als ihn die Kugeln erreichten und fiel zu Boden. Er bemerkte plötzlich einen zweiten Schatten, der neben der am Boden liegenden Gestalt auftauchte und sich ohne einen Laut in diesen verbiss. Noch rechtzeitig stoppte er seinen bereits krümmenden Zeigefinger und brüllte lauthals: „AUS!“
Der Dobermann stoppte erst nach dem dritten Schrei und sah enttäuscht zu ihm hinüber. „Komm!“ befahl er ihm schon wesentlich ruhiger, ließ jedoch den am Boden liegenden Schatten nicht aus den Augen, während sich sein Hund näherte, sich setzte und ihn mit seinen schmalen Augen vorwurfsvoll ansah. „Brav, ist gut so. Bleib!“ lobte er den Hund, während er sich auf den kurzen Weg Richtung Schatten machte. Als er diesen erreichte und kurz schnüffeln musste, wusste er, weshalb der Hund nichts bemerkt hatte. Ein stechender Geruch nach Muskat stieg ihm in die Nase und er erkannte die einzig wirksame Schwachstelle in seinem Haus. Er hatte zwar schon früher oberflächlich davon gehört, doch die Erzählungen immer unter dem Aspekt des Märchenerzählens abgetan. Jetzt wusste er, dass dem nicht so war!
Wütend kickte er einen Stuhl an die Wand, sicherte seine Waffe und legte sie ab. Dann holte er die Glock hervor, entsicherte sie und dreht vorsichtig die auf dem Boden liegende Person um. Der Mann war um die 40, grau gekleidet und von schlanker Figur. Obgleich er schusssichere Kleidung trug, hatte er Pech, da ihn zumindest ein Schuss direkt seitlich unter dem Ohr erwischt und eine erhebliche Sauerei angerichtet hatte. Plötzlich ertönte direkt neben ihm ein vertrautes, jedoch trotzdem böses Knurren. Er wirbelte herum, die Waffe im Anschlag, sah jedoch lediglich seinen Hund, der an dem Toten schnüffelte und letztendlich am auf den Boden strömenden Blut leckte.
Nachdem er den Hund beruhigt und nach draußen in die Diele gebracht hatte, wählte er erneut die Nummer seines Babysitters, gab ein kurzes Codewort ein und legt auf. Jetzt blieb ihm nichts anderes übrig als zu warten. Warten auf wen auch immer, die innerhalb der nächsten Stunden hier auftauchen und die Schweinerei beseitigen würden. Doch er war sich auch sicher, dass Irland in Zukunft nicht mehr sicher war. Hier würde ihn jeder Anfänger finden…
Wie hatten sie ihn überhaupt gefunden? Er hatte so unterschiedliche Sicherheitsaspekte eingebaut, dass ihn nur eine Person der eigenen Gruppe verraten konnte. Niemand außer maximal vier Personen kannte seinen augenblicklichen Namen, seinen Wohnort kannten nur zwei Personen. Wer also…? Egal, diese Überlegungen und die anschließenden Handlungen mussten warten, bis die Zeit dafür gekommen war. Jetzt war erst mal die Zeit für einen guten und reichlich eingeschenkten Single Malt. Er schenkte sich wahllos aus einer der Flaschen ein überaus opulentes Glas ein und genoss dieses in langen, bedächtigen Zügen. Danach ging er in die Diele, legte sich zu seinem Hund auf den Boden und wurde langsam ruhiger. Der Hund bewegte sich so lange hin und her, bis seine längliche Schnauze in der Armbeuge des linken Arms lag und schnaufte zufrieden vor sich hin.
Wie konnte es jetzt weitergehen? Derjenige, der ihn verraten hatte, kannte vermutlich auch die Notfallpläne. In seinem Hirn speicherte ein winziges Teil eine Schlussfolgerung, die ihm Jahre später noch sein Leben retten sollte. Nie mehr als zwei Personen sollten zukünftig über alle Details eines Notfalls informiert sein. Falls möglich, nur eine Person, die über alle Aspekte einer Flucht, des darauf folgenden Notfalls und allen weiteren Handlungen wussten. Die Aktivitäten und der Whisky machten ihn etwas schläfrig, aber er wusste, dass jetzt erst der stressige Teil des Tages folgte. Er sah an seinem Körper herunter und bemerkte, dass ihn sein Hund aufmerksam beobachtete. Leicht schmunzelnd beugte er sich vor, stand auf und gab eine lange Nummer auf seinem Handy ein.
Als sich jemand meldete, sagte er lediglich: „OK, es ist soweit. Morgen?“ Er wartete die Antwort ab, bestätigte und legte auf. Plötzlich fiel ihm der USB-Stick ein, der zwar sicher verwahrt, aber weit entfernt an der Küste lag. Egal, den musste er vergessen. Zu diesem Zeitpunkt nachts das Haus zu verlassen wäre mit Sicherheit der sichere Tod. Er ging noch einmal schnell in den Keller zum Waffenschrank und holte aus einem separaten Versteck zwei Ausweisdokumente, die nur der normalen Kontrolle dienten und keiner speziellen und detaillierten Überprüfung standhielten. Er prägte sich kurz die Namen und Details ein und verstaute die Dokumente in seiner Gesäßtasche. Die richtigen – wenn auch nicht die letzten – Papiere erhielt er erst an seinem Zielort. Während er mit schnellen Schritten in den ersten Stock eilte und sich in seinem Schlafzimmer umsah, als er plötzlich sein Telefon im Wohnzimmer läuten hörte. ‚Abheben oder nicht?‘ fragte er sich, als er im Schlafzimmer einen dort nicht aktivierten Telefonhörer in der Hand hielt. Er aktivierte die Abnehmtaste, sagte jedoch kein Wort. Im Hörer vernahm er nichts; nur Stille. Alarmiert betätigte er wieder die Stopp-Taste, nahm eine kleine Dokumententasche auf und ging schnell nach unten ins Erdgeschoß. Der Dobermann saß in der Diele neben der Tür zum Wohnzimmer und ließ ihn nicht aus den Augen. Plötzlich hörte er ein warnendes Knurren des Hundes. Er riss die Waffe aus dem Gürtel, fiel auf die Knie, die Waffe im Anschlag. Doch da war nichts… gar nichts. Verwirrt hielt er inne und versuchte zu eruieren, was jetzt passierte. Nicht ahnend, das ihm just dieses Zögern das Leben retten sollte.
Die massive Eingangstür wurde in Sekundenbruchteilen zu einem Nichts pulverisiert, als die Sprengladung in der Tür explodierte. Durch den Druck der Explosion fand er sich auf einmal neben dem großen Esstisch auf dem Boden wider. Unverletzt, aber benommen. Trotzdem suchte sein Hirn nach der Frage, die ihn unweigerlich beschäftigte: der Hund?
Er musste die Frage mehrmals wiederholen, bis er ein klägliches Echo hörte. Gar nicht so weit von ihm vernahm er ein bekanntes Maunzen; der Hund lebte, wie auch er. Erleichtert robbte er in diese Richtung, bis er ihn vor sich sah. Er sah jedoch etwas zerfleddert aus: Die Ohren auf Hab acht, der kupierte Schwanz in einer noch nie gesehenen Stellung… Aber er war am Leben! Auf allen Vieren ins Wohnzimmer robbend, suchte er nach dem G36, das er auf dem Boden liegend entdeckte. Er nahm es auf, überprüfte es kurz und bewegte sich schnell zur Tür, die vom Wohnzimmer zur Diele führte. Während er die Schusswaffe weiterhin im Anschlag hielt, ließ er sich auf die Knie fallen und checkte den Dielenbereich bis zur zertrümmerten Eingangstür. Durch die quasi nicht mehr existente Tür war kein Laut von draußen zu vernehmen. Doch er traute dem Frieden nicht, es war keiner…! Kurz schoss ihm die Frage durch den Kopf, ob Nachbarn die Explosion gehört und ihm vielleicht zu Hilfe eilen wollten. Doch das nächste Haus war über drei Meilen entfernt und momentan noch nicht einmal bewohnt.

Erneut stellte sich ihm die Frage, wann seine Gegner zum Schlussspurt ansetzten. Sie hatten zwar alle Zeit der Welt, doch auch Mister Zufall kann sich manchmal als kleiner Drecksack herausstellen. Mit Sicherheit wussten seine Gegner, dass ihm so schnell niemand zu Hilfe kommen würde. Doch wo und vor allem wann würden sie angreifen? Vorsichtig linste er ins Wohnzimmer, um zu prüfen, ob er im Haus überhaupt noch Elektrizität hatte. Doch anscheinend brannte das Standby-Lämpchen an seiner Audioanlage nicht mehr, so dass davon auszugehen war, dass der Strom im gesamten Haus nicht mehr funktionierte. Plötzlich geschahen zwei verschiedene Dinge gleichzeitig: Ihn durchströmte der Gedanke, dass der erste Angreifer vielleicht nicht allein im Hause gewesen war und nur noch auf die richtige Gelegenheit wartete, um einzugreifen. Im gleichen Augenblick fühlte er eine Bewegung an seinem Bein.
Blitzschnell drehte er sich halb um die eigene Achse, die Waffe im Anschlag. Und sah… seinen Hund, der sich anscheinend wieder berappelt hatte und der Kontakt suchte. Er ging in die Knie, tastete den Dobermann kurz ab und entschied, als dieser nicht reagierte, dass keine gravierenden Verletzungen aufgetreten waren. Mit einem kurzen Kommando schickte er den Hund ins Wohnzimmer, wo er voraussichtlich sicherer war als in der Diele. Hier musste der Angriff stattfinden, dessen war er fast sicher.

Plötzlich hörte er eine Stimme, die ihn von der Terrasse draußen rief:
„Mr. Larkin, für jeden von uns wäre es besser, wenn Sie friedlich herauskommen und wir uns über ein paar Details unterhalten können. In aller Ruhe, versteht sich.“
Er glaubte, in den letzten Worten einen spöttischen Unterton herauszuhören, war sich jedoch nicht sicher. Auf alle Fälle hatte er nicht vor, auf Worte (von wem auch immer) zu reagieren. Während er seine Augen schloss, konzentrierte sich jede Faser seines Körpers auf Geräusche, die nicht normal wirkten. Die Praktik, einer spricht und lenkt den Gegner ab, der andere bereitet den Angriff vor, hatte er bereits vor Jahren einige Male in die Tat umgesetzt.

Aufmerksam beobachtete er durch die offene Türfüllung das spärliche Schattenspiel im Außenbereich. Doch er glaubte nicht wirklich an Anfängerfehler seiner Gegner. Mit Sicherheit hatten sie sich ausführlich über ihn erkundigt und Fehler, die begangen wurden, konnten nicht mehr korrigiert werden. Vielleicht nie mehr…!
Seine Gedankenspiele wurden jäh durch die Stimme unterbrochen: „Keine Antwort ist auch eine Antwort!“ Diesmal war die Ironie nicht zu überhören. „Wenn wir Sie liquidieren wollten, hätten wir schon mehrmals die Gelegenheit dazu gehabt. Ihre Vorsichtsmaßnahmen in allen Ehren, aber manchmal werden auch Sie etwas leichtsinnig.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit verfluchte er seine Abneigung gegen Granaten, weil sich diese manchmal auch gegen den Werfer selbst richten konnten. Heute jedoch könnten zwei oder mehr Eier seinen Kontrahenten draußen schon etwas durcheinander wirbeln. Als er eine Bewegung am linken Arm spürte, sah er den Dobermann, der sich plötzlich leise grollend erhob und die Lefzen in beeindruckender Manier zeigte. Er hatte zwar dem Hund in langen Monaten antrainiert, vor oder während eines Angriffs niemals zu bellen, aber das Grollen ließ sich einfach nicht abstellen.
Irgendetwas ging da draußen vor und mit Sicherheit waren es keine Nettigkeiten, die dort ausbaldowert wurden. Er schickte den Hund wieder ins Wohnzimmer, möglichst weg vom Geschehen, dass mit Sicherheit bald hier stattfinden würde. Danach legte er sich in die Türöffnung, richtete seine Waffe aus in Richtung der nicht mehr vorhandenen Tür und wartete. Nicht sehr lange, denn kurz darauf vernahm er ein Geräusch, auf das er gerne verzichtet hätte. Erst war nur ein leises „Plopp“ zu hören, bis kurz darauf das typische Zischeln einer frisch gezündeten Handgranate ertönte. Blitzschnell rollte er sich seitwärts, hinter die Türöffnung und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen. Er holte tief Luft und schloss seine Augen, wohl wissend, dass nach der Explosion die Hölle erst richtig losgehen würde. Dann begann erfahrungsgemäß der Angriff, den er aufgrund seiner begrenzten Feuerkraft nur eine Zeitlang abwehren konnte.
Nach dem extrem lauten Knall blieb er reglos liegen und öffnete erst dann probeweise ein Auge, als die letzten Trümmerstücke auf ihn herabregneten. Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn die erste Gestalt, die von draußen durch die Türöffnung stürmte, erwischte er mit der ersten, kurzen Feuergarbe. Er hatte die Waffe auf kurze Feuerstöße von maximal 5 Schuss eingestellt, da er lediglich zwei Magazine mit je 30 Schuss bei sich hatte. Nur um sicher zu gehen, jagte er mit der Magnum der still am Boden liegenden Gestalt eine Kugel in den Kopf und verstaute danach die Waffe.
„Das war nur die Eröffnung,“ ließ sich die sonore Stimme vernehmen, „bald folgt das Finale.“
Er fand es müßig, darauf einzugehen und widmete sich lieber seinen Überlegungen, was jetzt wohl kommen sollte. Auf alle Fälle nichts Gutes, wie sich bald herausstellte, als ein plötzlicher Feuerstoß die komplette Diele bestrich und gefährlich nahe bei ihm einschlug. Zornig wischte er sich Kalksplitter aus dem Gesicht und fasste spontan den Entschluss, jetzt seinerseits zum Angriff überzugehen. Dumm war nur, dass er nicht wusste, wie viel Personen draußen auf ihn warteten und wo ihre Standpunkte waren.
‚No risk – no fun!‘ dachte er grimmig und überprüfte noch einmal kurz das Magazin. Dann bewegte er sich schnell und möglichst lautlos an einer Wand entlang bis zur Türöffnung, holte tief Luft und sprang mit einem lauten Schrei heraus. Er kam kurz ins Straucheln, fing sich jedoch und drückte pausenlos den Abzug. Den ersten Gegner erwischte er gleich mit einer der ersten Salven, den zweiten bemerkte er erst, als ihn dessen Kugel im Oberschenkel traf. ‚Ups…‘ dachte er verzweifelt, als sein Bein nachgab und er zu Boden stürzte. Seltsamerweise verspürte er keinen Schmerz, nur eine Art Taubheit, die sein gesamtes Bein erfasste und ihn am hektischen Wegrollen hinderte, denn er lag hier wie auf dem Präsentierteller. Das musste wohl auch sein Gegner empfinden, denn er schoss sich regelrecht auf ihn ein und die Kugeln umsirrten ihn verdammt nah wie zornige Hornissen.
Mit einem letzten Aufbäumen seiner Kraft rollte er sich neben einen großen Findling, der den Parkplatz von den Gemüsebeeten abtrennte. Zornig duckte er sich, als weitere Kugeln dicht neben ihm einschlugen. Hektisch wechselte er das fast leere Magazin gegen ein volles aus und schoss zwei Kurzsalven in die Richtung seines Gegners. Von dort hörte er einen erstickten Aufschrei, den er jedoch ignorierte. ‚Was ich nicht sehe, muss ich auch nicht glauben!‘ dachte er mit einem letzten Anflug von Sarkasmus. Vorsichtig und leise robbte er mit seinem jetzt doch heftig schmerzenden Bein vom Findling weg in Richtung einer halbhohen Hecke. Er orientierte sich kurz, schaltete die Waffe auf Dauerfeuer und legte seine Magnum mit nur noch 5 Schüssen neben sich in Reichweite. Dann erhob er sich in kniende Position und schickte einen endlos langen Feuerstoß in Richtung Gegner. Er ließ die nun leere Waffe fallen, hob die Magnum auf Brusthöhe und wartete mit beiden Händen an der Waffe auf eine Reaktion. Die jedoch nicht kam, selbst nach einigen Minuten Warten nicht. Als ihm das Warten zu lange dauerte, nahm er die Waffe in seine linke Hand und schob sich vorsichtig, das verletzte Bein schonend, in Richtung des Gegners. Zwischen einer kleinen Hecke und einem verkümmerten Bäumchen entdeckte er ihn dann leblos am Boden liegend und mit zerfetztem Unterleib.
Vorsichtig beugte er sich zu ihm herab und untersuchte ihn oberflächlich. Verschiedene Kugeln hatten seine Schutzweste getroffen, waren jedoch nicht durchgeschlagen. Ausweispapiere waren ebenso Fehlanzeige wie persönliche Dokumente. Also ein Profi, wie er bereits vermutet hatte. Er drehte den Toten auf den Bauch und ging humpelnd zu dem ersten toten Gegner, den er ebenfalls untersuchte und nichts Aufregendes fand. Auf dem Weg zurück zum Haus hörte er schon von weitem den Dobermann, der aufgeregt an der Wohnzimmertür kratzte und wütend bellte. Nachdem er den Hund beruhigt hatte, schnitt er seine Hose auf und begutachtete die Schusswunde, die sich als glatter Durchschuss entpuppte. Knochen waren nicht verletzt und die Wunde war gut ausgeblutet. Er schleppte sich ins Bad, holte seinen Arzneikasten und fing an, die Wunde zu versorgen, nachdem er sie desinfiziert hatte. Als er auf die Uhr sah, bemerkte er, dass ihm fast noch 6 Stunden Zeit blieben, bis sein Kontakt auftauchte. Zeit, um etwas zu Schlafen und sich von der Hektik der vergangenen Stunden zu erholen, dachte er müde und bedeutete dem Hund, in der Diele Wache zu halten.
Dann legte er sich auf die Couch im Wohnzimmer, die Magnum in Reichweite und schlief sofort ein.